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Die geballte Kraft der Poesie
Lärm und Hektik im Hamburger Hafen. An der Uferpromenade wird gerade das Riesenrad für den Hafengeburtstag aufgestellt, daneben hämmern fleißige Händlerhände die Fressbuden zusammen. Gegenüber leuchtet das Zelt vom „König der Löwen“, Barkassen schaufeln die Zuschauer herüber. In der anderen Richtung wächst die HafenCity in die Höhe. Mittendrin in diesem Treiben schaukelt ruhig der „Grosse Michel“. Auf dem ausgemusterten Ausflugsschiff wagen fünf Künstler an diesem Mittwochabend ein Experiment. Statt lautem Spektakel präsentieren sie die älteste Kunstform der Welt: das Erzählen von Geschichten. Unter dem Titel „Sag ich doch!“ erzählen sie von der ewigen Liebe, von strahlenden Helden und traurigen Verlierern, von den großen Träumen und den kleinen Schwächen. Das alles präsentiert nur mit kräftiger Stimme und lebhafter Mimik. Ohne bunte Lämpchen, ohne aufwendige Requisiten, ohne Schnickschnack. Der Abend ist der Auftakt zu einer ganzen "Sag ich doch!"-Reihe: anschließend will jeden ersten Mittwoch im Monat einer der Erzähler einen eigenen Abend auf dem "Grossen Michel" bestreiten.
Um halb acht schwankt der Steg am Sandtorkai schon erheblich. Nach wochenlangem Sonnenschein ist der Wind zurückgekehrt nach Hamburg im frühen Mai. Eine Premierenbesucherin hat sich extra in Abendgarderobe geworfen, das Erklimmen des Schiffes im langen Kleid wird zum heiteren Balanceakt. Auf dem Oberdeck gemütliche Salon-Atmösphäre: eine große Bar, kleine Tischchen mit Sesseln und Kerzen. Hinten an Bord wurde das Außendeck mit einer Plane überdacht, darunter weitere Sitzecken und Barhocker. Von drüben ziehen Hämmergeräusche herüber.
Als gegen halb neun endlich alle rund 60 Gäste mit Getränken versorgt sind, begrüßen die Erzähler im Türrahmen zwischen Salon und Außendeck das Premierenpublikum und geben damit den Startschuss für die „Sag ich doch!“-Reihe. Den Anfang macht Olaf Steinl, norddeutscher Erzähler mit fränkischen Wurzeln. Zu seinem Repertoire gehören auch Fußballreportagen, doch heute abend erzählt er eine persische Geschichte im Stile von 1001 Nacht, in der eine Prinzessin mit Hilfe eines Märchens nach einem Perlendieb fahndet. Da das Funkmikrofon ausgefallen ist und ein Handmikro die Gestik bremst, stellt sich Steinl allein mit der Kraft seiner Stimme den Nebengeräuschen des Hafens, zu denen sich jetzt auch noch Musik von einem nahen Vergnügungsdampfer gesellt hat. Dennoch wird der gemeine Perlendieb gefunden.
Auch die Hamburgerin Micaela Sauber meistert – wie alle ihre Kollegen – ihren Auftritt ohne Mikrofonverstärkung. Die Geschichte von der Wandlung einer zugeknöpften Hanseatin präsentiert Sauber mit norddeutscher Kodderschnauze und herzlichem Charme und zieht dabei alle Register ihrer Erfahrung aus mehr als 20 Erzählerjahren. Die zauberhafte Margarete Andoux steht anschließend im Mittelpunkt der Geschichte von Alexandra Kampmeier, Typ westfälische Wuchtbrumme. Margarete wird von allen umschwärmt, nur nicht vom Studenten Adalbert. Was die Schöne nicht auf sich sitzen lässt ... Susanne Ulke dagegen zieht das Publikum mit einem Rätsel in den Bann. Ihre Geschichte habe kein Ende, bekennt sie freimütig, aber jeder sei eingeladen, darüber zu spekulieren. Dann erzählt sie von dem schönen Jüngling, den ein Gottesurteil erwartet, weil er eine Liason mit der Prinzessin begonnen hat. In einer Arena soll er eine von zwei Türen öffnen. Dahinter wartet entweder ein Tiger und damit der sichere Tod, oder aber er öffnet die Tür zu einer wunderschönen Jungfrau, mit der er von dannen ziehen darf. Die Prinzessin, ebenso verliebt in ihn wie eifersüchtig, kennt den Inhalt der Türen und gibt dem Jüngling einen Wink, welche er öffnen soll. Nur welche ist das gewesen? Und warum ausgerechnet diese? Ulke bleibt hart: Ende offen.
In die Pause werden die rätselnden Zuhörer von Jana Raile entlassen. Mit ihrem Partner Gerhard P. Bosche vom gemeinsamen Projekt „wortspektakel“ präsentiert sie die rührende Geschichte vom verliebten Julius, der wie sein ehrgeiziger Nebenbuhler Julian die widerspenstige Goldsternblüte zum Blühen bringen soll, um die schöne Prinzessin heiraten zu dürfen. Während Julian alle Bücher und Experten dieser Welt zu Rate zieht, verlässt sich Julius allein auf die Kraft der Liebe.
Der verspätete Beginn und das volle Programm fordern ihren Tribut, erst weit nach zehn Uhr ist Pause, einige Zuschauer müssen nach Hause, der Babysitter wartet. Doch bei den anderen, die vor Tür auf dem Anleger frische Luft schnappen oder rauchen, wirken die Geschichten nach. War die Ignoranz des Studenten Adalbert, mit der er die schöne Margarete gewann, ein erfolgreicher Trick oder nur der Anfang von seinem Ende? Kann die Liebe Blumen zum Blühen bringen? Und natürlich, verflixt nochmal: auf welche Tür mag die leidenschaftliche Prinzessin gedeutet haben?
Nach der Pause, so scheint es, will auch der Hafen den Geschichten lauschen. Die Musik und die Hämmergeräusche sind verschwunden, dazu wurde gegen die zugige Luft unter der Plane auf dem Außendeck ein Heizstrahler angeworfen. Passend zum Anfang der zweiten Runde blickt auch Micaela Sauber zurück an den Anfang, bis zur Erschaffung der Welt. Dort hat Gott gerade alle Tiere mit einem schönen Fell ausgestattet, nur für das Schwein ist kein Kleid mehr übrig. Der launige Dialog zwischen Schwein und Schöpfer, dargeboten – originalgetreu? – auf Plattdeutsch, wird zu einem Höhepunkt des Abends. Olaf Steinl kontert mit einem Klassiker, der Fahrt des Odysseus vorbei an der Insel der Sirenen zu der schrecklichen Skylla, laut Homer ein Ungetüm mit zwölf unförmigen Füßen, darauf sechs überlange Hälse und sechs Häupter, mit drei Reihen Zähnen, angefüllt mit dem schwarzen Tod. Man wünscht sich, die Erzähler hätten eine andere Reihenfolge gewählt, denn Skylla nach dem lustigen Schwein wirkt wie ein mächtiger Gyrosteller nach einem luftigen Pudding. Im Herbst kann man die „Odyssee“ dagegen unbeeinflusst und in voller Pracht erleben, dann präsentiert Steinl den Klassiker bei „seinem“ Soloabend auf dem „Grossen Michel“.
Susanne Ulke wandelt weiter auf unheimlichen Pfaden, diesmal erzählt sie die makabere Geschichte von der schwarzen Köchin des Barons. Diese lässt es sich nicht nehmen, jeweils einen der Gäste des monatlichen Banketts zu vergiften. Doch bei ihren grandiosen Kockkünsten lassen sich alle gern auf das heikle Spiel ein. Zum Abschluss des zweiten, deutlich kürzeren und launigeren Teils erzählt Alexandra Kampmeier einen westfälischen Schwank von ihrem rüstigen Opa, dessen Versuch der heimischen Butterproduktion mit einer Kuh auf dem Dach und dem Sturz in den Schornstein endet.
Die abwechslungsreiche Zusammenstellung der Geschichten und die fesselnde Vortragskunst zeigen: selbst heute, im Zeitalter von Fernsehen und Internet, von Werbe- und Bilderflut, kann die uralte Form der Erzählung bestehen. Wie einst am Lagerfeuer kann sie Menschen zusammenführen und unterhalten. Bilder im Kopf entstehen lassen und Figuren zum Leben erwecken. Das inzwischen vollendete Riesenrad am Ufer gegenüber wirkt da plötzlich wie ein verzweifelter Türsteher auf der Reeperbahn. Denn was ist schon der kurze Kitzel des Augenblicks gegen die geballte Kraft der Poesie? Wer mitträumen will: nach dem gelungenen Debüt stehen nun die „Sag ich doch!“-Erzählabende an jedem ersten Mittwoch im Monat auf dem Programm des „Grossen Michel“, ab Herbst sind weitere Veranstaltungen im goldbekHaus geplant.